Bestellpunktverfahren
Das Bestellpunktverfahren (auch **Bestellrhythmusverfahren** oder $(\text{t}; \text{S})$-System) ist eine systematische Methode der **Materialwirtschaft** und **Lagerhaltung**, bei der die Beschaffung von Artikelmengen zu **fixierten Zeitpunkten** (Bestellrhythmus) ausgelöst wird, während die exakte **Bestellmenge** variabel ist und sich technisch aus der Differenz zwischen dem aktuellen Lagerbestand und einem vordefinierten, maximalen Soll-Bestand ergibt.
Technische und Methodische Aspekte des Bestellpunktverfahrens
Die technische Steuerung des Bestellpunktverfahrens beruht auf der regelmäßigen, zeitgesteuerten Überprüfung des Lagerbestands und einer dynamischen Mengenbestimmung, die die **Eintretenswahrscheinlichkeit** von Engpässen minimiert.
- Feste Bestellzeitpunkte: Im Gegensatz zum reinen Bestellpunktsystem, bei dem die Bestellung durch das Erreichen eines Mindestbestandes ausgelöst wird, ist hier der Bestelltermin (Zeitpunkt $t$) fixiert (z.B. jeden Montag, am 1. eines Monats). Die Organisation profitiert von planbaren administrativen Abläufen (feste **Meilensteine**).
- Variable Bestellmenge: Die zu bestellende Menge ($Q$) ist variabel. Sie wird technisch so berechnet, dass der Lagerbestand bis zum maximalen Soll-Bestand ($S$) aufgefüllt wird. $$ Q = S - \text{aktueller Bestand} - \text{offene Bestellungen} $$ Der Soll-Bestand ($S$) muss so hoch angesetzt werden, dass er den Bedarf während der gesamten Periode (Bestellintervall plus Wiederbeschaffungszeit) plus dem notwendigen Sicherheitsbestand abdeckt.
- Minimierung des Lagerbestandsrisikos: Durch die regelmäßige Überprüfung und das Auffüllen auf das maximale Niveau wird die Gefahr von Fehlbeständen (Out-of-Stock) reduziert, was die **Tragweite** möglicher Produktionsausfälle (Potenzielle Probleme) minimiert.
- Anwendungsbereiche: Technisch eignet sich das Verfahren besonders für Artikel, deren Bedarf **regelmäßig** und deren **Bestellmenge** eher **gering** ist, da die Verwaltungskosten durch die Bündelung der Bestellungen sinken. Es ist auch geeignet für Güter, die einer regelmäßigen Kontrolle unterliegen (z.B. leicht verderbliche Waren).
Die technische Präzision des Soll-Bestandes ($S$) ist entscheidend für die Wirtschaftlichkeit.
Organisatorische und Ökonomische Aspekte
Auf der organisatorischen Ebene ermöglicht das Bestellpunktverfahren eine hohe Planungssicherheit, wirkt sich jedoch direkt auf die **Kapitalbindung** und die **Liquiditätsplanung** aus.
- Planungssicherheit: Die fixen Bestellzeitpunkte ermöglichen eine effizientere Disposition der Personal- und Logistik-**Infrastruktur** (z.B. feste Anlieferungszeiten, **Automatisierungsgrad** in der Lagerhaltung). Dies reduziert die **organisatorische Komplexität**.
- Kapitalbindung: Organisatorisch führt die Ausrichtung auf einen hohen Soll-Bestand ($S$) tendenziell zu einer **höheren durchschnittlichen Kapitalbindung** im Lagerbestand (höherer **Neuwert**), als dies beim Bestellpunktsystem der Fall ist. Das **Controlling** muss diesen Trade-off zwischen Lagerkosten und Fehlbestandskosten permanent überwachen.
- Verhandlungsbasis: Die variierende **Bestellmenge** kann die Verhandlungsbasis mit Lieferanten erschweren, da keine festen Abnahmemengen garantiert werden können. Dies muss bei der strategischen Beschaffung berücksichtigt werden.
- Integration mit dem **Produktions- und Absatzprogramm**: Das Verfahren muss eng mit dem **Produktions- und Absatzprogramm** abgestimmt werden, um sicherzustellen, dass die Bestellzeitpunkte und Mengen die Einhaltung der Produktionspläne unterstützen.
Das Bestellpunktverfahren ist somit ein Kompromiss zwischen einfacher Beschaffungsorganisation und flexibler Mengenanpassung.
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